Der Fußball als Instrument politischer Interessen?

Das Regionalbüro Westfalen der Konrad-Adenauer-Stiftung hatte am 08. Juni 2021 zur Onlineveranstaltung „Der Fußball als Instrument politischer Interessen?“ geladen. 

Moderator Timo Düngen (REL) sprach mit Ronny Blaschke und Dr. Susanne Franke von der Schalker Fan-Ini drei Tage vor dem Start der Europameisterschaft u.a. über die Bedeutung von Menschenrechten, die Rolle von Investoren und politische Einflussnahme im Fußball.

Als inhaltliche Einführung stellte Ronny Blaschke einige Themen aus seinem Buch „Machtspieler“ vor. Blaschke behandelt hierin insbesondere die Einflussnahme internationaler Politik und Wirtschaft auf den Sport im Allgemeinen und den Fußball im Speziellen. Von Lukaschenko über Putin und Orban bis hin nach Azerbaijan zeigt Blaschke eindrücklich auf, wie sehr der Fußball von diesen Männern als Mittel zum Zweck genutzt wird. Während der Fußball für eine innenpolitische Aufwertung von Regimes sorge, entwickle er sich gleichzeitig zur neuen Form der (gerade wirtschaftsorientierten) Außenpolitik. Am Beispiel Gazprom wird deutlich, dass Politik mittlerweile auch in den VIP-Logen der Stadien gemacht wird und das Sponsoring (Schalke, Champions League) dazu dient, politische und wirtschaftliche Interessen durchzusetzen.

Aus Blaschkes Vortrag entstand die Frage, welche Rolle jeder einzelne Fan in diesem Konstrukt habe und warum und wie lange wir Fans dabei noch mitmachen wollen.

Dr. Susanne Franke nahm den Ball auf und verwies darauf, dass es für den einzelnen Fan schwer sei, die Entscheidungen der Verbände, die Turniere unter korrupten Bedingungen vergeben, zu kippen. Hier nahm sie Bezug auf die kommende WM in Qatar. Diese ließe sich zwar nicht mehr verhindern, aber dennoch könnten Gruppen wie #BOYCOTTQATAR2022 mit Kampagnen und Pressearbeit Öffentlichkeit und Bewusstsein für Unrecht schaffen – und vielleicht Druck ausüben, zum Beispiel bei der Kontrolle von Arbeitsrechte in Katar. Und wenn der Fan schon als Konsument gesehen wird, kann er die Macht des Konsument auch ausüben: Keiner werde gezwungen, die WM am Fernseher zu verfolgen. Hier fiel dann auch noch der Hinweis auf „Back to Bolzen“, das von allen Fans als Alternativprogramm zur WM im nächsten Jahr gemeinsam gestaltet werden soll.

Ronny Blaschke warf daraufhin ein, dass die Erfahrung gezeigt habe, dass alle wir spätestens dann Teil des Zirkus sind, wenn der Ball bei den großen Turnieren rollt und Kritik sich meist nur auf die Phase vor den Turnieren beschränke, da der Fokus der Medien während einer EM/WM fast nur auf den Sport gerichtet ist. Und auch Susanne Franke bestätigte, dass Öffentlichkeit und Fans sich mit Blick auf das Geld mit Situationen und unliebigen Sponsoren arrangiere. Anfangs habe einige Aktive der Schalker Fanszene wegen Gazprom noch Magenschmerzen gehabt und geäußert, mittlerweile sei bei vielen ein Gewöhnungseffekt eingetreten (und die Vertragsverlängerung sogar von vielen begrüßt worden) – und einen Aufschrei zum Sponsoring der CL habe man nicht recht gehört.

Im Chat wurde die Frage gestellt, ob die oben geschilderte Intrumentalisierung des Sports auch im Westen vorhanden sei. Ronny Blaschke verwies darauf, dass es immer wieder Versuche gegeben habe und auch immer noch gibt, der Rahmen sei aber anders. Immer da, wo Fußball Teil der Stadtgesellschaft sei, würden sich Interessen von Fußball und Politik vermischen. Als Beispiel wurde u.a. die Sonderrolle des Fußball während der Pandemie genannt. Generell stünden im Westen aber eher wirtschaftliche Interessen (Glazer bei Manchester United) im Vordergrund, der Fußball sei mehr Spielzeug für Investoren.

Zum Abschluss wurde vom Moderator die Frage aufgeworfen, wie die Fans es zukünftig verhindern können, ein Spielball in einem System miteinander konkurrierender Interessen zu sein. Hier lautete das Fazit von Susanne, dass Fans Haltung in den Fußball tragen können, indem sie an die Vereine herantreten und ihre Macht als „Konsument“ nutzten. Als Fan könne man von den Vereinen Konsequenz, Transparenz und Nachhaltigkeit in der Lieferkette fordern z.B. beim Essen und Trinken oder Trikots aus biologischem und fairem Handel Nachhaltigkeit von den Vereinen einfordern. Gerade weil die Vereine mittlerweile Unternehmen seien, könnten sie sich professional und nachhaltig geführte Unternehmen als Vorbild nehmen. Ronny Blaschke ergänzte, dass Klubs wirtschaftlichen Erfolg in einem schwierigen Umfeld auch durch soziales Engagement erreichen könnten, indem sie so für neue Sponsoren interessant würden – dass viele soziale Projekte allerdings in finanzschwachen Zeiten gekürzt werden.

Mit einem persönlichen Ausblick auf die EM endete dieser überaus informative Abend. Während sich Ronny Blaschke auf die EM und das Grillen mit Freunden freut, kann Susanne Franke den Nationalteams nicht sehr viel abgewinnen. Sie könne die EM also nicht lieben wie die Bundesliga oder den Pokal, aber auf das Zusammensein mit Freunden während des Turniers freue sie sich schon.