Was bleibt. Zwei Jahre nach der EM in Polen

(dsf) Wir kennen das schon: Rund drei Monate vor internationalen Turnieren wird die Lage im Gastgeberland in den Medien diskutiert. Da geht es um die Stadien, die Sicherheit und die politische Situation. Nach dem Turnier sind dann meist alle erleichtert, dass alles besser geklappt hat als befürchtet. Und dann werden diese relevanten Themen wieder unsichtbarer, und die Vision der Nachhaltigkeit von sportlichen Großveranstaltungen interessiert nicht mehr so recht. So war es auch bei der EM in Polen und der Ukraine. Die Fan-Ini hatte schon vor dem 8. Juni 2012 beide Länder besucht, Gesprächspartner und Freunde gefunden, viele Themen diskutiert. Jetzt schien es Zeit, in Polen nachzufragen: Was ist von der EM geblieben?

Eine kleine Delegation der Schalker Fan-Initiative e.V. machte sich also auf den Weg. Was im April 2012 vor der EM ein Netzwerkbesuch mit sportlichen Einlagen war, hatte jetzt ein konkretes Ziel. Dank unserer Freunde und Partner (besonderen Dank an „Reiseleiter“ Maciej!) hatten wir ein dichtes, vielfältiges, extrem gastfreundliches Programm. Die Kurzzusammenfassung der Ereignisse: Vier Tage, diverse Orte (Bytom, Piekary, Katowice, Gliwice), drei Spiele in drei Ligen und sehr viele Gespräche: Mit Ultras, “ältere-Herren-Fans”, Sportdirektoren, Ehrenamtlern und schließlich sogar Rudolf Bugdol, dem Vorsitzenden des Schlesischen Fußballverbandes. Schlesien war das Ziel, weil uns die großen Stadien weniger interessierten als eine Region, die ähnliche strukturelle Herausforderungen hat wie das Ruhrgebiet. Geprägt vom Bergbau und wenig Kaufkraft; voller Vereine,Plätze und Stadien.

Gedenksteinmauer für im Berg Verstorbene in der Bergarbeitersiedlung Nikiszowiec

Gedenksteinmauer für im Berg Verstorbene in der Bergarbeitersiedlung Nikiszowiec

Die meisten Fans und Offiziellen in der Region sind sehr nostalgisch. Sie blicken zurück auf viele Titel. Einige sprechen uns sogar auf den „legendären“ 6:0-Sieg von Bytom gegen Schalke am 28.06.1964 im Intertotocup an (zur Beruhigung für die Schalker: Das Rückspiel am 12.07.1964 endete 2:0 für Schalke). Dazu paßt, daß fast jeder auch Fan einer ausländischen, oft deutschen Mannschaft ist. In den beiden Sport-Tageszeitungen „Sport“ und „Przeglad Sportowy“ kann man sich über polnische Spieler in anderen Ligen ebenso informieren wie auf der Website www.90minut.pl.

Als Essenz müssen wir leider festhalten: Die EM ist nur noch eine blasse Erinnerung. Wären nicht einige Straßen neu oder in deutlich besserem Zustand, gäbe es nicht die schicken Stadien in Warschau, Posen, Breslau und Danzig – man würde kaum noch glauben, dass dieses Großereignis erst vor zwei Jahren stattfand. Strukturell und nachhaltig hat sich nichts geändert. Das erklärt auch Bugdol, der 2012 zweiter Vorsitzender des Nationalverbandes und in der gemeinsamen Gesellschaft des polnischen Verbandes mit der UEFA war. Jetzt konzentriere man sich nach der sportlichen Enttäuschung auf die kommende Qualifikation. Die nachhaltige Nutzung der Stadien (und hier verweist Bugdol auf die Arena als Vorbild) ist bisher nur in Warschau gelungen, wo gerade die Volleyball-WM vor 60.000 Zuschauern eröffnet wurde. Überhaupt konzentrieren sich Kapital und Innovationskraft noch immer auf die Hauptstadt, während z.B. die rund 40.000 Plätze in Danzig nur ca. 8.000 Zuschauer finden.

Im Gespräch mit Rudolf Bugdol vom Schlesischen Fussballverband

Im Gespräch mit Rudolf Bugdol vom Schlesischen Fussballverband

Bei Polonia Bytom wird die Stadionkapazität sogar künstlich auf 1.000 Plätze reduziert – bei mehr Fans gilt das Spiel als Massenveranstaltung, die durch Sicherheitsauflagen und Abgaben rund 10.000 Zloty mehr kostet. Das käme durch die zusätzlichen Einnahmen nicht rein. Beim Spiel gegen GKS 1962 Jastrzebie haben wir dennoch ein richtig intensives Fußballerlebnis: Die Ultras machen mit wenig Mitteln viel Choreo, stehen natürlich und singen fast nahtlos durch. Die älteren Herren auf der Tribüne spenden für die Choreo, als zwei junge Frauen mit Sammeldosen „die andere Seite“ besuchen. Der Verein hat sich sogar in der dritten Liga (eigentlich die vierte, denn darüber ist noch die Extraklassa) ein gutes Team bewahren können, und siegt souverän mit 4:0. Wir sehen das als gutes Omen für unser Spiel gegen Bayern am gleichen Abend.

Fanblock Polonia Bytom

Fanblock von Polonia Bytom

Beim Spiel Rozwoy Katowice gegen den Tabellenersten MKS Kluczborg (3:0) sieht das ganz anders aus. Der von der benachbarten Zeche Wujek unterstützte Verein hat ein hübsches kleines Stadion mit wenig Fans. In der Freiluft-Gastrozone (sogar Bier gibt es hier, in polnischen Stadien strikt verboten) sind ein paar ruhige ältere Herren, und exakt fünf „Ultras“. Von denen ist nur einer lautstark, ein zweiter holt das kleine Banner erst aus dem Rucksack, als wir uns als interessierte Gäste zu erkennen geben.

Geblieben sind, und das ist großartig, außer der Infrastruktur und viel Kritik mit nahezu neidischen Blicken auf Deutschland, aber auch engagierte Menschen und viele Pläne. In Bytom beispielsweise ist ein neues Stadion geplant, damit es wieder „Massenveranstaltungen“ gibt. Möge die Übung gelingen!

Weitere Fotos findet ihr in der Galerie: 2 Jahre nach der EM in Polen