Was ist Heimat? Ein interessanter Bericht eines Ultras

Einen interessanten und spannenden Beitrag zur Diskussion „Geboren in Gelsenkirchen – Was ist Heimat?“ lieferte uns ein Mitglieder der Ultras Gelsenkirchen mit serbischen Wurzeln. Der Beitrag erschien bereits am letzten Samstag im „Blauen Brief“ der UGE, welche unsere Aktion ja bekanntlich mitträgt.

Warum tragen Gelsenkirchener Jugendliche, die noch nie in einem türkischen, polnischen oder russischen Stadion waren, die Trikots der Heimat ihrer Väter und Mütter? Mit diesem Thema befasst sich momentan eine Kampagne der Schalker Faninitiative, die wir als Ultras Gelsenkirchen unterstützen, nicht zuletzt, weil in unserer Gruppe unterschiedlichste Nationalitäten zusammengefunden haben. Ein Mitglied lässt uns an seiner ganz persönlichen Geschichte teilhaben, ein Text, den es so bislang nicht im Blauen Brief gab und der vielleicht Ansporn für weitere Schilderungen dieser Art ist:

Bei der Aktion der Schalker Fan Initiative „Was ist Heimat?“ und den oben gestellten Fragen kam mir direkt meine eigene Geschichte in den Sinn. Schon als kleine Kröte schlugen mehr oder weniger zwei Herzen in meiner Brust, das eine schlug Dank guter Vorarbeit meines Vaters für Schalke, den Verein, dem er seit dem Anfang seiner Gastarbeiterzeit in Deutschland Anfang der 70er-Jahre die Daumen drückte. Ihm hatten es damals vorallem seine Landsmänner Branko Oblak, Envar Maric und Vilson Dzoni angetan, sie verkörperten in einer fremden Welt ein Stück Heimat, das er schon von unten kannte, auch wenn keiner der drei jemals für seinen damaligen Club FK Sarajevo gespielt hatte, sondern teilweise für die damaligen Erzrivalen. So schleppte er mich auch relativ früh mit ins Stadion, das erste Spiel war direkt Ende der 80er-Jahre gegen Rot-Weiß Essen. Das Spektakel erinnerte mehr an Sylvester, so habe ich da als kleiner Junge mehr in den Himmel geschaut. So dauerte es noch ein paar Spiele, ehe ich mein Herz an die Blau-Weißen verloren hatte.

Die zweite große Liebe entdeckte ich 1989 in Köln, Roter Stern Belgrad war zu Gast, wieder war ich quasi Garant für ein spektakuläres Spiel abseits des Platzes und war hin und weg von der Begeisterung meiner damaligen Landsleute, die gegen Ende des Spiels immer mehr in Wut umschlug, als wir ein 2:0 aus dem Hinspiel noch abgaben und mit 3:0 gegen die Kölner die Segel streichen mussten. Zum ersten Mal fühlte ich eine Verbundenheit mit den Personen, die die Sprache meiner Eltern sprachen, diese Verbundenheit wird wohl jeder ältere Schalker von seinen Gastspielen in Köln kennen, wenn es mal wieder Streit mit dem Block über einem gab.

Aber das damals war die Begegnung mit einer anderen Welt, Bengalen überall im Block, handfeste Auseinandersetzungen zwischen den Jungs aus Belgrad und Gastarbeitern mit Hajduk-, Partizan- und anderen Anhängern, Auseinandersetzungen zwischen dem Gästeblock und den Kölnern und ich als kleiner total verstörter Junge dazwischen. Eine neue Liebe wurde entdeckt!

Für längere Zeit gab es aber nur den FC Schalke, Roter Stern war nur an Wochenenden über den Weltempfänger meines Opas zu erreichen, der sich die Radioreportagen des jugoslawischen Erstligafußballs anhörte. Doch dann kam die Saison 1990/91. Roter Stern marschierte durch Europa und warf Hitzfelds GC Zürich und die Rangers aus dem Wettbewerb und traf im Viertelfinale auf Dynamo Dresden, das Rückspiel wurde dann nach Randale der Ostdeutschen abgebrochen. Einhellige Meinung der vor dem Fernseher anwesenden Verwandten und Freunden: „Die Deutschen konnten uns noch nie leiden, Junge!“ Und siehe da, im Halbfinale wartete der große FC Bayern München, in der Schule musste ich mir anhören, dass damit das Ende meiner Träume besiegelt wäre. Das Hinspiel war in München, RS gewann mit 2:1 und ich schwebte die nächsten Wochen im siebten Himmel durch die Schule. Dejan Savicevic war endlich wer beim Pausenkick auf dem Schulhof. Das Rückspiel zeigte mal wieder eine typische deutsche Mannschaft, die bis zur 90. Minute 2:1 in Führung lag und noch einmal durch Roland Wohlfahrt den Pfosten traf, ehe RS den letzten Angriff einläutete. Mihajlovic flankte von links, Augenthaler fälschte ab, Aumann griff übel daneben und ja, wir waren im Finale! Dort wurde im Elfmeterschießen Marseille geschlagen und der vor der Saison von RS dorthin gewechselte Dragan Stojkovic weigerte sich, gegen seinen Verein den Elfer zu schießen.

Alle Verwandten platzten vor Stolz, wir, die Jugoslawen bzw. Serben, hatten die beste Mannschaft Europas und ein paar Monate später der Welt. Schnell wurde ich durch den Krieg im damaligen Jugoslawien aus den Träumen gerissen, Personen, die noch vor wenigen Monaten der gleichen Mannschaft zujubelten, sprachen nicht mehr miteinander und ich selber machte Bekanntschaft, wie übel ich es als kleiner Junge in der Schule hat, wenn die Medien nur schlechtes über das Land der Eltern berichten. Ich war zeitweise außen vor als kleiner Kriegstreiber. Egal, ich hatte Roter Stern und ich wusste, selbst nach dem Embargo wird RS die beste Mannschaft der Welt sein. In der Schule zeigte ich mit meiner RS-Kappe, die mir mein älterer Bruder beim Freundschaftsspiel FC Schalke gegen Roter Stern gekauft hatte, Flagge.

Die Jahre vergingen, die schlechte Meinung über Serbien blieb und so wurde die Liebe zu RS größer! Und dann war der Tag gekommen, RS traf im Pokal der Pokalsieger auf den 1. FC Kaiserslautern und ich war wieder dabei, 5.000 Serben unterstützten unsere Mannschaft in Kaiserslautern und legten den Grundstein für das Weiterkommen des mehr oder weniger U21-Teams aus Belgrad. Nächste Station war Barcelona mit Ronaldo und wir flogen knapp aus dem Wettbewerb, aber wir waren uns sicher, in den nächsten Jahren sind wir wieder wer! So vergingen die Jahre und die Versprechen von einer Mannschaft, die aufgebaut werden soll, damit sie an die alten Erfolge anknüpft, während wir immer weniger mit Vorurteilen zu kämpfen hatten und es immer mehr Spaß machte, seine zweite Liebe Schalke zu gucken, mit seinen Freunden aus der Schule oder mit dem eigenen Vater. Bei den ganzen Fahrten mit RS erlebte ich immer mehr Enttäuschungen sportlicher Natur, während das Spektakel eigentlich immer stimmte, so lernte ich schnell viele Freunde kennen und hatte bei Spielen in Metz, Leverkusen, Wien und anderen Begegnungen meinen Spaß. Aber ich spürte trotzdem eine gewisse Distanz zum Verein im Vergleich zu Schalke, der einem jeden Tag vor der Nase und im Kopf blieb.

Roter Stern flog die nächsten Jahre immer schneller aus dem Europapokal und so blieb mir mehr Zeit, um mit Schalke durch Deutschland und Europa zu reisen, dabei lernte ich abseits von Schule und Familie immer mehr Freunde kennen, die genauso tickten wie ich selbst und mich ohne große Probleme akzeptierten. Irgendwann riet einem die innere Stimme dazu, eine Entscheidung zu treffen, die mir zwar schwer fiel, aber die auch irgendwie dafür stand, dass ich hier angekommen war und das, obwohl ich in Deutschland geboren bin. Das, glaube ich, ist auch der Hauptgrund, warum soviele Jugendliche in Gelsenkirchen Vereinen nachhängen, die sie nie live gesehen haben. Sie leben mehr oder weniger in ihrer ausländischen Gemeinde, werden von einem Teil der Deutschen nicht akzeptiert und suchen deshalb ihren Verein in der Heimat ihrer Eltern. Wenn ich heute zehn Jahre zurückblicke, so hat mein damaliger Freundeskreis fern der Schule immer noch Bestand und besteht immer noch fast ausschließlich aus Serben, während mein aktueller Freundeskreis zum großen Teil aus Deutschen und ein paar Ausländern besteht, die sich in der Gruppe Ultras Gelsenkirchen bewegen. Solange sich die ausländischen Jugendlichen hier nicht wohl und akzeptiert fühlen, werden sie sich immer an Vereine aus der Heimat klammern und das Stadtbild wird sich nicht ändern, ich kann sozusagen den Erfolg der Integration ohne Probleme auf den Bolzplätzen der Republik erkennen.