International
  Sommer 1996. Alles wartet auf die UEFA-Cup-Auslosung. Endlich ist Schalke wieder dabei in Europa. Endlich! Denn das letzte Mal, das ist verdammt lange her. Vor knapp 40 Jahren gab es die ersten blau-weißen Auftritte auf internationalem Parkett. Nach der Deutschen Meisterschaft 1958 spielten die Knappen zum ersten und bisher auch einzigen Mal im Europapokal der Landesmeister. Und wie sie spielten!

  1958
Der siebte Meistertitel bedeutet nicht nur, daß die Knappen den Rekord des Club aus Nürnberg einstellen. Nein, er bedeutet viel mehr. Denn am 26. August ist es soweit: Beim dänischen Meister Kopenhagen BK haben die Knappen ihren ersten internationalen Auftritt.

Erst vier Jahre zuvor hatte die Europäische Fußball-Union die sogenannten Europapokal-Spiele eingeführt. Zu dieser Zeit ist die Champions League noch weit weg. Stattdessen gibt es einen einfachen Vergleich mit K.O.-System in Hin- und Rückspiel.

Aber der Premiere erster Teil geht ziemlich in die Hose. Mit einem 0:3 im Gepäck fährt man wieder nach Hause. Drei Wochen später, am 17. September 1958, kommt es in der Glückauf-Kampfbahn zum Rückspiel gegen die Dänen. Durch zwei Treffer von Berni Klodt führen die Blauen bereits zur Pause mit 2:0. Die Aufholjagd hat begonnen.

Unmittelbar nach dem Wiederanstoß erzielt Manfred Sadlowski das 3:0. Alles ist wieder offen. Zwei Andersen-Treffer in der 54. und 68. Minute sorgen dann dafür, daß plötzlich die Dänen wieder die besseren Karten haben. Doch ein Doppelschlag von Hans Nowak und Günter Brocker in der 71. und 72. Minute sorgt für die 5:2-Führung - und dabei bleibt es.

Zum Glück kommt die UEFA erst Jahre später auf die Idee, bei Torgleichheit die auswärts erzielten Tore höher zu bewerten. 1958 bedeutet Torgleichheit noch ein Entscheidungsspiel auf neutralem Platz. Beide Teams sehen sich also am 1. Oktober in Enschede wieder.

Nach einer torlosen ersten Hälfte schießen Günter Siebert (57.), Hans Nowak (66.) und Berni Klodt (86.) einen beruhigenden 3:0-Vorsprung heraus, bevor Krahmer für die Kopenhagener in der Schlußminute den Ehrentreffer zum 1:3-Endstand erzielt. Mit viel Glück haben die Knappen die zweite Runde im Europapokal erreicht.

Die Auslosung zur zweiten Pokalrunde führt die Schalker zunächst auf die Insel. Mit dem englischen Meister Wolverhampton Wanderers erhalten die Knappen einen schweren Brocken zugelost. In den Reihen der Engländer steht zum Beispiel auch der Kapitän der Nationalmannschaft, Billy Wright.

Im Hinspiel am 12. November trotzen die Schalker den favorisierten Engländern ein 2:2 ab. Günter Siebert sorgt in der 23. Minute für die Schalker Führung, die auch das Halbzeitergebnis bedeutet. Broadbent erzielt zwar in der zweiten Hälfte Ausgleich und Führungstreffer für Wolverhampton, doch Willi Koslowski sorgt zwei Minuten vor Schluß für das vielumjubelte Unentschieden.

43 000 Zuschauer in der völlig überfüllten Glückauf-Kampfbahn sind sechs Tage später beim Rückspiel gegen die Engländer völlig aus dem Häuschen, als Heiner Kördell und Günter Siebert eine 2:0-Halbzeitführung herausschießen.

Bereits in der 48. Minute sorgt Jackson jedoch für das 1:2. Dann beginnt die Abwehrschlacht. Doch die blau-weiße Verteidigung läßt keinen weiteren Gegentreffer mehr zu - das Viertelfinale ist erreicht. Noch nie war eine deutsche Mannschaft im Europapokal so weit gekommen.

In den Spielen der Oberliga haben die Knappen dagegen ihre Probleme. Offensichtlich konzentrieren sich die Spieler auf den Europapokal und lassen im Liga-Betrieb die Zügel schleifen.

Dabei fängt in der Oberliga zunächst alles prima an: Nach einem ordentlichen Saisonauftakt kommt es am 12. Oktober im Stadion Rote Erde wieder zum Revierderby gegen den BVB (damaliger BVB-Trainer: Max Merkel). Obwohl die Knappen mit Brocker, Sadlowski, Laszig, Soya und Borutta fünf Stammspieler ersetzen müssen, fahren sie einen überlegenen 3:1-Sieg ein.

Bereits nach 25 Minuten steht das Endergebnis fest. Die frühe Dortmunder Führung durch Cieslarczyk aus der zweiten Minute gleicht Jagielski bereits sechs Minuten später aus. Ein Doppelschlag von Günter Siebert und Heiner Kördell in der 23. und 25. Minute sorgt für den Sieg

Danach aber folgt eine Serie von Auswärtspleiten. Nacheinander verlieren die Knappen bei Alemannia Aachen (1:2), SV Sodingen (2:3) und Fortuna Düsseldorf (4:5). Ergebnis ist am Ende der Hinrunde ein Platz im hinteren Mittelfeld.

  1959
  Nach zwei weiteren Niederlagen zu Beginn der Rückrunde bei Preußen Münster und in Herne können die Schalker das Thema "Oberliga-Meisterschaft" endgültig abhaken. Im Pokal überstehen sie wie schon in den Jahren zuvor die regionalen Runden nicht.

Im Europapokal wartet der nächste dicke Brocken: Atletico Madrid. Am 4. März laufen die Knappen in Madrid vor 110 000 Zuschauern auf. Es ist bis heute die größte Kulisse, vor der jemals eine Schalker Mannschaft spielte. Bis zur Pause können die Knappen beim spanischen Traditionsklub noch ein 0:0 halten, dann aber kommt es knüppeldick. Drei Minuten nach Wiederanpfiff bringt Vava die Spanier in Führung, in der 60. Minute sieht Borutta die Rote Karte. Miguel in der 73. Minute und Peiro mit dem Schlußpfiff erhöhen auf 3:0.

Im Rückspiel am 18. März wollen die Schalker dann das Unmögliche möglich machen. Schließlich hatte man schon in der ersten Runde ein 0:3 gegen Kopenhagen BK wieder aufgeholt. Und scheinbar passiert wieder ein Wunder. Schon nach 45 Sekunden können die 43 000 Zuschauer in der Glückauf-Kampfbahn zum ersten Mal jubeln. Hans Nowak vollendet den ersten Angriff zum 1:0

Trotzdem bleibt das zweite Wunder aus. Die Spanier beschränken sich fast während des gesamten Spiels auf die Verteidigung des Hinspiel-Ergebnisses. Hinzu kommt, daß Madrids Keeper Pazos einen Weltklasse-Tag erwischt hat.

Nach neunzig Minuten blau-weißer Überlegenheit, aber ohne weiteres Tor, kommt in der Schlußminute sogar noch die kalte Dusche. Madrids brasilianischer Stürmerstar Vava versenkt einen der wenigen Konter zum 1:1-Ausgleich ins Netz. Das Viertelfinale ist somit das Ende der blau-weißen Träume. Noch lange nach Spielschluß aber werden die Königsblauen von den Zuschauern gefeiert.

Am Ende der Oberliga-Saison belegen die Knappen bei 16 Mannschaften nur Platz 11. Damit sind alle weiteren internationalen Träume vorerst ausgeträumt. Traumhaft war allenfalls noch Hans Nowaks Auftritt am 21. Spieltag. Beim 5:1 gegen die STV Horst-Emscher am 8. Februar erzielt er alle fünf Schalker Treffer.

Im Herbst kommt es wieder zum Revierderby. In der Vorsaison hatte der BVB die Knappen in der Glückauf-Kampfbahn mit 5:1 geschlagen. Am 20. September stehen sich beide wieder in Gelsenkirchen gegenüber.

Helmut Jagielski und zweimal Willi Koslowski sorgen für die 3:0-Pausenführung. Hans Nowak erhöht in der 57. Minute auf 4:0, Karl Borutta sorgt in der 69. Minute für den 5:0-Endstand.

Trainer Edi Frühwirth verläßt den Verein. Noch Jahre später schwärmen viele Spieler vom Meistertrainer aus Österreich. Kommentar Ernst Kuzorra: "Wir hatten aber genug Wiener Schnitzel gefressen."

  1960
  Die Oberliga-Saison beenden die Knappen mit einem achtbaren vierten Platz. Erst die schlechte Serie zum Saisonausklang (nur ein Sieg in zehn Spielen) verhindert eine bessere Plazierung.

Im Sommer wechselt Willi Schulz von Union Günnigfeld an den Schalker Markt. Der 22jährige Mittelläufer hatte bereits im Jahr zuvor sein erstes Länderspiel absolviert, 22 weitere internationale Auftritte kommen während seiner königsblauen Zeit dazu.

  1961
  Die Oberliga-Saison schließen die Schalker mit einem undankbaren dritten Platz ab - wieder keine Teilnahme an den Spielen um die Meisterschaft. Auch im Pokal ist der Regionalwettbewerb erneut Endstation Mit Hans Nowak beruft Sepp Herberger beim Länderspiel gegen Dänemark den nächsten Schalker in die Nationalelf.

  1962
  Mit einem furiosen Schlußspurt sichern sich die Schalker die Vize-Meisterschaft in der Oberliga West. Drei Heimsiege gegen Borussia Dortmund, den 1.FC Köln und Borussia Mönchengladbach sowie der Auswärtssieg bei Viktoria Köln sorgen am Ende der Saison dafür, daß die Königsblauen endlich wieder an den Gruppenspielen um die Deutsche Meisterschaft teilnehmen dürfen.

Am 18. April geht es in der Qualifikation gegen Werder Bremen. Vor 63 000 Zuschauern im Niedersachsen-Stadion in Hannover sieht es bis kurz vor Schluß nach einem 1:0-Sieg durch das Tor von Werner Ipta aus der 53. Minute aus. Doch mit dem Schlußpfiff erzielt Schütz den Ausgleich für die Hanseaten - Verlängerung. Hier lassen die Blauen jedoch nichts mehr anbrennen. Koslowski, Asmy und Berni Klodt schießen bereits in der ersten Hälfte der Verlängerung den 4:1-Endstand heraus.

In den Gruppenspielen ist Borussia Neunkirchen der erste Gegner. Dörrenbacher und Ringel bringen die Saarländer (im BVB-Stadion Rote Erde!) mit 2:0 in Führung. Asmy und zweimal Waldemar Gerhardt können den Spieß jedoch noch umdrehen. Nach dem 1:1 im zweiten Spiel gegen Tasmania Berlin kommt es am letzten Spieltag zum entscheidenden Spiel. Und wieder mal ist der Club aus Nürnberg der Gegner. Koslowski bringt die Schalker zwar schon nach 10 Minuten in Führung, doch Max Morlock und Flachenecker beenden alle Schalker Träume. Die Gruppenspiele sind somit Endstation.

Bei der Weltmeisterschaft in Chile stehen drei Schalker im Nationalkader. Willi Schulz, Hans Nowak und Willi Koslowski vertreten Blau-Weiß in Südamerika.

Auch im DFB-Pokal überstehen die Schalker zum ersten Mal nach sieben Jahren wieder den Regionalwettbewerb. Holstein Kiel heißt der Gegner in der 1. Runde, die auch fast die letzte Runde für die Schalker ist. Bis kurz vor Schluß führen die Kieler Störche durch drei Treffer von Galle mit 3:2. Erst in den Schlußminuten sorgt Waldemar Gerhardt mit seinen beiden Treffern für den glücklichen Schalker Erfolg.

Auch gegen 1860 München liegen die Knappen in der zweiten Runde schnell mit 0:2 hinten, doch Rodekamp, Ipta und zweimal Gerhardt schießen die Schalker ins Halbfinale. Die Düsseldorfer Fortuna beendet dort jedoch alle königsblauen Pokalhoffnungen. Mit 2:3 streichen die Blauen die Segel.

Am 18. August wird die letzte Oberliga-Saison angepfiffen. In den Reihen der Schalker steht ein 18jähriger an der rechten Außenlinie, der später für Furore sorgen wird - Stan Libuda.

  1963
  Die Bundesliga naht. Auf seinem Bundestag beschließt der DFB die Einführung einer zentralen Spielklasse. Neben der sportlichen Qualifikation gelten folgende Kriterien: Stadion mit mindestens 35 000 Plätzen, eine Flutlichtanlage, Jahresumsatz mindestens 300 000 Mark, Betriebsvermögen 200 000 Mark. Für die sportliche Qualifikation werden die Ergebnisse der letzten 13 Jahre gewertet. Schalke (am Ende der letzten Saison Tabellensechster) qualifiziert sich ohne Probleme für die neue Liga.

Die Finanzlage vieler Vereine ist jedoch bedenklich. Zum ersten Mal sorgen Gehälter und Ablösesummen für Finanzlöcher. Der Kölner Karl-Heinz Schnellinger und der Dortmunder Jürgen Schütz werden mit für deutsche Verhältnisse astronomischen Gehältern nach Italien gelockt. Aber auch für die Zurückgebliebenen steigen die Preise.

Mit einem Freundschaftsspiel gegen Brasiliens Meister FC Santos (1:2) am 2. Juni versuchen die Schalker, Geld in die Kasse zu bekommen. Das Spiel wird in Essen ausgetragen und beschert den Knappen aufgrund der geringen Resonanz (nur 15 000 Besucher) weitere 70 000 Mark Miese.

Eine Woche später findet das Abschiedsspiel für Berni Klodt statt. Gegen die bulgarische Nationalmannschaft steht es am Ende 1:0.

Und dann war da noch ein Spieler namens Reinhard "Stan" Libuda. Der einzige Mensch, der jemals an Jesus vorbeikam, debütiert als 19jähriger gegen die Türkei in der Nationalmannschaft.Auch für Schalke gehen 16 Jahre Oberliga zu Ende - nach 468 Spielen, 224 Siegen und 986 Toren. Zweimal wurden die Knappen Oberliga-Meister und dreimal Vizemeister. Berni Klodt (330 Spiele) und Paul Matzkowski (212 Auftritte) trugen am häufigsten die königsblauen Farben. Mit 129 Treffern ist Berni Klodt am Ende erfolgreichster Schalker Torschütze.

Am 24. August beginnt die neue Ära. In der Glückauf-Kampfbahn läuft vor 28 000 Zuschauern folgende Elf zum ersten Bundesligaspiel gegen den VfB Stuttgart auf:

Horst Mühlmann
Hans Nowak
Hans-Jürgen Becher
Willi Schulz
Egon Horst
Manni Kreuz
Willi 'Schwatte' Koslowski
Karl-Heinz Bechmann
Günter Hermann
Waldemar Gerhardt
Stan Libuda

Mit einem 2:0 beginnt Schalkes Bundesliga-Geschichte.